Homöopathie

GlobuliEs ist eine Milliardenindustrie. Allein 2010 wurden mit homöopathischen Arzneimitteln in Europa rund 1,035 Milliarden Euro verdient. Tendenz steigend. Dabei ist die Wirkung der kleinen weißen Kügelchen, der sogenannten Globuli, wissenschaftlich höchst umstritten. Hintergrund der Vorbehalte ist vor allem das Produktionsverfahren:

Am Anfang der Produktion steht die sogenannte Urtinktur. Das ist meist ein durch Extraktion gewonnener Pflanzenauszug, z. B. Löwenzahn. Dieser wird in einem oder mehreren Durchgängen mit der entsprechenden Menge Wassers „potenziert“, wie es Homöopathie-Erfinder Samuel Hahnemann (1755-1843) nannte. Im Produktionsverfahren bedeutet das allerdings genau das Gegenteil.

Denn beim homöopathischen Potenzieren werden die Wirkstoffe verdünnt – und zwar fast bis ins Unendliche. Nach der Theorie Hahnemanns wirkt ein homöopathisches Mittel nämlich umso stärker, je mehr es verdünnt wird. So wird beispielsweise bei der Potenz D1 ein Tropfen Wirkstoff mit neun Tropfen Lösungsmittel vermischt. Das „D“ steht hier für Dezimalpotenz. Und D1 entspricht einer Verdünnung von 1:10. Für jede weitere Stufe wird die Lösung um das Zehnfache weiterverdünnt: D2 hat demnach ein Mischverhältnis von 1:100. Etwas anschaulicher ausgedrückt bedeutet das: Bei einer Potenz D9 kommt etwa ein Tropfen Wirkstoff auf den Inhalt eines Tanklasters. D23 entspricht schon einem Tropfen verdünnt im gesamten Mittelmeer. Es werden sogar Potenzen wie D1000 hergestellt. Viele homöopathische Mittel sind daher so stark verwässert, dass in ihnen überhaupt kein Wirkstoffmolekül mehr nachzuweisen ist.

Dass ein solches Mittel besser helfen soll, als eines mit höherem Wirkstoffanteil, klingt für Homöopathen aber keinesfalls unlogisch. Ihre Erklärung: Der Wirkstoff der Urtinktur überträgt sich während des Verdünnungsprozesses auf das Lösungsmittel. Denn Wasser hat eine Art „Gedächtnis“, das die Wirkung der Ausgangssubstanz speichert und den Zellen des Patienten übermittelt. Soweit die Theorie. Belegen konnten wissenschaftliche Studien diese Annahmen aber bis heute nicht.

Doch was viele Wissenschaftler nur die Köpfe schütteln lässt, erfreut sich hierzulande wachsender Beliebtheit. Mittlerweile gibt es kaum noch eine Apotheke, die keine Globuli in ihrem Sortiment hat. Etwa 1.500 Apotheker haben sich sogar auf Naturheilverfahren und Homöopathie spezialisiert, wie die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände mitteilt. Und laut einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach haben 57 Prozent der Deutschen schon mal homöopathische Mittel geschluckt. 25 Prozent gelten sogar als „überzeugte Verwender“. Die Homöopathie ist aus unserem Gesundheitswesen nicht mehr wegzudenken. Mittlerweile ermöglichen rund 100 Krankenkassen ihren Versicherten eine Versorgung mit homöopathischen Arzneimitteln. Das wirft zwangsläufig die Frage auf: Woher kommt eigentlich der Glaube an die Homöopathie?

Ein Erklärungsversuch geht von der Unzufriedenheit der Patienten aus. In einer Befragung von 10.000 zufällig ausgewählten Patienten bewerteten nur 34 Prozent der Deutschen die medizinische Versorgung in Deutschland als „ausgezeichnet“ oder „sehr gut“. In England, Kanada und Australien war der Anteil der sehr zufriedenen Befragten fast doppelt so hoch. Kein Wunder also, dass alternative Heilmethoden immer beliebter werden. Denn ein Grundsatz der Homöopathie ist die sogenannte Anamnese. Ein ausführliches Gespräch, bei dem es nicht nur um den aktuellen Gesundheitszustand des Patienten geht, sondern auch um seine Lebensgewohnheiten und vergangene Erkrankungen. Diese Gespräch kann bis zu zwei Stunden dauern – gegen entsprechendes Entgelt versteht sich. Zum Vergleich: In der Schulmedizin dauert das durchschnittliche Arzt-Patienten-Gespräch etwa 7,6 Minuten. Damit zählen deutsche Arzt-Patienten-Kontakte übrigens zu den kürzesten in ganz Europa.

Ist es also das persönliche Gespräch mit dem Homöopathen, das Patienten bei der Genesung unterstützt? Das Gefühl, dass sich jemand Zeit nimmt und die Therapie ganz persönlich auf einen zugeschnitten ist? Wenn das der Fall ist, bleibt die Frage: Wie kann ein nicht existenter Wirkstoff eigentlich gegen Rückenschmerzen, Asthma oder eine Erkältung helfen?

Einige Wissenschaftler vermuten, dass die Homöopathie auf dem sogenannten Placebo-Effekt beruht. Ein Placebo – das ist eine wirkstofffreie Zuckerpille – wird bei vergleichenden Studien verabreicht, um die Wirksamkeit eines pharmakologischen Stoffes im Vergleich zum Placebo zu testen. Heute weiß man aber, dass Placebo-Effekte keineswegs nur eingebildete Effekte sind, sondern mit tatsächlichen physiologischen Veränderungen im Gehirn einhergehen. Das konnten Forscher der University of British Columbia in Vancouver, Kanada, auf Gehirnbildern verfolgen. Das Team fand heraus, dass ein wirkstoffloses Scheinmedikament bei Parkinson-Kranken die gleichen Abläufe im Hirn auslöste, wie das tatsächliche Medikament. Bei den Probanden aktivierte bereits die Erwartung einer Besserung durch das Medikament die Produktion von Dopamin im Hirn. Dieser körpereigene Schmerzhemmstoff ist an der Regulierung verschiedener Verhaltensfunktionen beteiligt, z.B. der Bewegung. Bei Parkinson-Kranken produziert das Gehirn zu wenig Dopamin, so dass die Bewegungsabläufe nicht mehr richtig koordiniert werden können. Daher leiden die Patienten unter anderem unter Schüttellähmung oder Steifheit.

Doch wirkt der Placebo-Effekt auch bei anderen Therapieformen? Nach Ansicht von Medizinern der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München wird jede Behandlung bei vielen verschiedenen Erkrankungen von einem Placebo-Effekt begleitet. Dieser kann den Medikamenten-Effekt sogar verstärken – allerdings nur, wenn der Patient positive Erwartung gegenüber der Therapie hat. Und hier setzen viele Homöopathen an. Sie sind wahre Meister darin, solche Erwartungseffekte zu aktivieren. Schon das ausführliche persönliche Gespräch und die Aussicht durch eine individuelle homöopathische Medikation geheilt zu werden, sind hilfreich. Denn eben dieser feste Glaube daran, gesund zu werden, führt zur Ausschüttung neurobiologischer Botenstoffe, die die Selbstheilungskräfte des Körpers in Gang setzen.

Aber verschwinden Erkältungen oder Rückenschmerzen tatsächlich nach der Globuli-Gabe – oder fühlt sich der Patient einfach nur besser, weil er an die Heilung glaubt? Ein Forscherteam um Professor Matthias Egger von der Universität Bern hat 110 Homöopathie- mit 110 Schulmedizin-Studien verglichen und kommt zu dem Schluss: Homöopathische Präparate sind nicht besser als Scheinmedikamente ohne jeden Wirkstoff. Und sofern eine Wirkung vorhanden ist, basiert diese auf purer Einbildung – dem Placebo-Effekt. Daher warnen die Wissenschaftler davor, auf „echte Pillen“ zu verzichten. Der Placebo-Effekt kann weder heilen, noch Tumoren oder Bakterien stoppen. Er lindert und verbessert lediglich das Befinden – besonders, wenn die Psyche stark beteiligt ist, also bei Schmerzen, Depressionen oder eben Parkinson. Bei schwerwiegenden Krankheiten kann es geradezu tödlich sein, diesen ausschließlich mit einer positiven Erwartungshaltung zu begegnen und eine schulmedizinische Therapie zu unterlassen. Deshalb sollten gute Homöopathen auch wissen, wann sie einen Patienten zum Facharzt schicken müssen.



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