Kathis Kolumne
Unsere Redakteurin berichtet jede Woche über Erfahrungen aus dem Alltagsleben und Themen, die uns bewegen
Jeder hasst sie, doch keiner kommt an ihnen vorbei – an den langen Warteschlangen im Supermarkt. Für Menschen, die nicht warten können, eine ganz besondere Herausforderungen. mehr …
Sex, Drugs and Rock n’ Roll – was früher das Lebensgefühl einer ganzen Generation war, scheint heute niemanden mehr zu interessieren – zumindest keinen unter 30. Vielmehr lautet heute der Lebensinhalt der Mittzwanziger: Frühe Heirat, Doppelhaushälfte im Grünen, Kinder kriegen. Nüchtern betrachtet ist das ja auch nicht pauschal zu verurteilen, aber in der Summe genommen für Menschen unter 45 irgendwie schon. mehr …
... oder nicht. Lernen kann man guten Geschmack nicht – so heißt es zumindest. Aber über Gechmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten. Wer das beherzigt, erspart sich auf jeden Fall die täglichen Anprobierarien vor dem Kleiderschrank. mehr …
Morgenstund hat Gold im Mund – das denke ich zumindest abends vor dem Schlafengehen, wenn ich mir ausmale, was ich vor der Arbeit noch alles tun könnte. Am nächsten Morgen sieht die Welt dann allerdings ganz anders aus. mehr …
FRAU kann kein Geheimnis länger als 32 Minuten bewahren. Das ist zumindest das Ergebnis einer britischen Umfrage. Aber woher kommt dieses brennende Verlangen etwas Weiterzusagen? Diese Frage hat sich auch unsere Kolumnisten gestellt. mehr …
Ja, ich weiß – das Thema klingt abgedroschen. Doch eine neue Studie belegt, dass sich Männer und Frauen in ihren Persönlichkeiten viel stärker unterscheiden, als bisher gedacht. Und dass sich diese Unterschiede schon sehr früh bemerkbar machen, habe ich erst vor Kurzem hautnah miterlebt. mehr …
Ob im Kaufhaus oder im Haushalt: Mitunter beschäftigen uns einfachste alltägliche Entscheidungen minutenlang. Unsere Kolumnisten geht es da nicht anders. Ein Erklärungsversuch. mehr …
Freizeit – der Begriff ist dem Wortsinn nach äußerst positiv besetzt. Zeit zur freien Verfügung zu haben ist etwas Schönes – ist Zeit neben Gesundheit doch das kostbarste Gut. Die freie Zeit, also meist der Feierabend und das Wochenende, ist idealerweise frei von Stress und Verpflichtungen. Doch dieses Ideal existiert – zumindest in meinem Alltag – längst nicht mehr. Bei mir ist Freizeitstress angesagt. mehr …
Nordische Spezialitäten wie Birnen, Bohnen und Speck hin oder her. Warum die kulinarischen Köstlichkeiten meiner Heimat – die der badischen Küche – zu den besten in Deutschland gehören. mehr …
Hier stimmt das Verhältnis von Größe und Gewicht. Die Frau, die auf dem Bild zu sehen ist und über ihren Kampf gegen die Kilos spricht, hat eine weitere Gewichtsabnahme absolut nicht notwendig. Oder habe ich da etwas falsch verstanden? mehr …
Sieben Tage ohne Handy: Als unsere Kolumnisten ihr iPhone in den Tresor schloss, ahnte sie nicht, welche Auswirkungen ihr „Handyfasten“ haben würde. mehr …
Man könnte auch mal ...
Silvester verbrachte ich mit meinen besten Freunden gemütlich in einem Ferienhaus – ganz entspannt und ohne Verpflichtungen. Doch völlig ohne einen Finger krumm zumachen, passierte dort natürlich nichts – weder gab es Kaffee, noch Raclette, Prosecco, Kaminfeuer und eine wohl temperierte Sauna schon mal gar nicht. mehr
Einer der Runde glänzte bei der Verteilung der täglichen Aufgaben zuweilen durch einen - zum Glück meist sehr liebenswerten - Hang zum Paschatum und signalisierte uns durch Sätze, die grundsätzlich mit „Man könnte auch mal …“ begannen, auf sehr subtile Weise seine jeweiligen Bedürfnisse. Diese Formulierung setzte selbstverständlich voraus, dass er keinesfalls der "man" war, der sich um die Aufträge wie Kaffe kochen, Holz holen, Essen zubereiten oder die Spülmaschine auszuräumen zu kümmern gedachte.
Die Floskel wurde während des Urlaubs trotz oder vielleicht gerade wegen der Pascha-Problematik schnell zum Running Gag und bald begannen wir alle unsere Sätze mit „Man könnte auch mal …“.
Mich persönlich animierten diese „geflügelten Worte des Silvesters 2011“ zu grundlegenden Überlegungen und dem Verfassen dieses Textes. Denn hinter der Formulierung stecken ja gleich zwei Phänomene unserer Zeit. Zum einen die sogenannte Prokrastination, das Aufschieben ungeliebter, aber notwendiger Tätigkeiten von einem, auf den nächsten und den übernächsten Tag und zum anderen das „Sich-Nicht-Verantwortlich-Fühlen“ für gewisse Aufgaben bzw. Situationen und die Hoffnung, dass sich irgendwer schon um die jeweilige Problematik kümmern wird. Doch woran liegt dieses Phänomen? Gibt es denn keine echten Macher mehr? Ist denn niemand mehr bereit, Verantwortung zu übernehmen und zu zupacken, Entscheidungen zu treffen und nicht nur die Möglichkeiten gegeneinander abzuwägen?
Es muss ja nicht immer gleich die Rettung der Welt sein – was man natürlich auch mal machen könnte – sondern es fängt schon bei der Erledigung wirklich unkomplizierter Aufgaben an. Zum Beispiel dem lang fälligen Anruf bei der Oma, wahlweise der Tante oder sonstiger Verwandtschaft, dem Entsorgen des Altglases oder dem Abwasch des immer größer werdenden Geschirrberges in der Küche. Von Projekten wie der Steuererklärung, dem längst fälligen Wechsel des Stromanbieters oder der Entrümpelung des Dachbodens mal ganz abgesehen.
Ich persönlich bin ein großer Verfechter der sofortigen Erledigung von jeglichen Aufgaben, doch hin und wieder ertappe auch ich mich dabei, Ungeliebtes aufzuschieben. Doch warum? Gibt es doch nichts Schöneres - zumindest nur wenig - als das befriedigende Gefühl, etwas erledigt zu haben, etwas abhaken zu können? Was bewegt uns denn immer wieder dazu, Dinge aufzuschieben?
Fehlende Zeit, werden jetzt Viele einwenden. Doch wenn wir ehrlich sind, oft handelt es sich um Erledigungen, die nur wenige Minuten in Anspruch nehmen würden, zumindest wenn wir sie sofort erledigen würden. Brauchen wir diese Nische, in der wir uns zugestehen, nicht perfekt sein zu müssen? Oder ist es die Summe der vielen kleinen Dinge, die wir tun müssen, die zum Problem wird? Ich weiß es nicht, zumindest noch nicht. Die Tatsache, dass zwischen den ersten beiden Sätzen und dem Rest dieser Kolumne mindestens fünf Tage liegen passt jedenfalls wie die Faust aufs Auge zur Thematik des Aufschiebens, auch wenn ich sonst immer alles sofort erledige, meistens zumindest, ehrlich ...
Dagegen gibt’s doch Globuli …
Mein Vater hat Medizin studiert und meine Mutter ist Biologin. Nicht verwunderlich also, dass ich trotz alternativer Schulbildung immer auf die Schulmedizin vertraut habe. Medikamente wurden bei uns Zuhause wohl überlegt und so wenig wie möglich eingesetzt. Doch wenn Hausmittel keine adäquate Therapie waren, wurden uns Präparate der klassischen Schulmedizin verabreicht und das äußerst erfolgreich. mehr
Generell spielten alternative Heilmethoden während der 1980er und 1990er Jahre in meinem Freundeskreis keine Rolle und nur die Wenigsten kamen damit in Berührung. Es war wohl einfach noch kein Trend. Doch seit viele meiner Freunde selbst Kinder haben, bin ich regelrecht von Globulifanatikern umzingelt – auch jenseits von szenigen Stadteilen wie Ottensen und dem Schanzenviertel.
Bei jedem Wehwehchen von Zahnungsschmerzen über Schnupfen bis hin zu Windeldermatitis, einem Ausschlag in der Windelregion, werden den Kleinen ein paar Kügelchen unter die Zunge geschoben. „Die schaden ja nicht und haben trotzdem eine ganz tolle Heilwirkung“, heißt es dann immer. Das ist doch nicht normal. Wenn es sich um ernstzunehmende Medikamente handelt, wovon die Verfechter der homöopathischen Medizin ja überzeugt sind, sollten Globuli doch nicht wie Bonbons verabreicht werden, sondern sorgsam dosiert. Und auch wenn Globuli nichts weiter als wirkungslose, süße Kugeln sind, müssen sie nicht unentwegt verabreicht werden. Oder seit wann macht Zucker gesund? Wie man es dreht und wendet, Globuli werden total überbewertet.
Ich bin die Diskussion über die Wirksamkeit der Zuckerkügelchen inzwischen wirklich Leid und überlasse jedem selbst die Entscheidung, was er für richtig hält – auch wenn es schwer fällt. Denn Sätze wie „Kinder und Tiere können sich eine Wirkung nicht einbilden, das ist doch der Beweis, dass Globuli wirksam sind“ bringen mich regelmäßig auf die Palme. Auch wenn Kinder und Tiere keinen Placebo-Effekt kennen, sagt das noch lange nichts über die Heilkraft der Zuckerkügelchen aus. Hat denn niemand mal darüber nachgedacht, dass die vermeintlich durch homöopathische Mittelchen Genesenen einfach so, allein mit Hilfe ihrer körpereigenen Selbstheilungskräfte wieder gesund geworden sind?
Über meine „Freunde“, die Impfgegner, verkneife ich mir an dieser Stelle jeglichen Kommentar. Das würde dann wirklich zu weit führen ...
Verschobene Prioritäten und Gesundheitsapostel
Keine Kohlenhydrate nach 16 Uhr, jeden zweiten Tag Sport – mindestens -, seit über drei Jahren rauchfrei und jetzt auch noch der bewusste Konsum von Alkohol. Auf den ersten Blick entspricht mein Lebenswandel dem Klischee der viel beschriebenen Mittdreißiger, die vor lauter Gesundheitswahn den Spaßfaktor vergessen und nur noch mit der eigenen Gesunderhaltung beschäftigt sind. mehr
Einem aktuellen Artikel einer großen Tageszeitung ist sogar zu entnehmen, das Gesundheitsbewusstsein dieser Genration sei deren Ersatzreligion geworden, die das religiöses Vakuum füllen soll. So betrachtet, haben vermeintlich kasteiende Gesundheitsvorschriften wie eine gesunde Ernährung, der gemäßigte Genussmittelkonsum und regelmäßige sportliche Verausgabungen in der Tat einen negativen Anstrich. Doch wenn Gesundheit nicht einfach nur die Abwesenheit von Krankheit bedeutet, sondern vielmehr ein Lebensgefühl, mit dem wir uns fit, leistungsfähig und gleichzeitig wohl fühlen, erscheinen diese Maßnahmen durchaus positiv und als das, was sie für mich sind: Bausteine für mein persönliches Wohlbefinden. Sicher sind Gesundheit und Zufriedenheit nur zwei Rahmenbedingungen für das Leben, allerdings zwei sehr wesentliche. Zweifellos gehören zum persönlichen Wohlergehen noch eine Menge mehr Zutaten als die eigene Gesundheit. Doch für mich ist Gesundheit bzw. viel mehr, mich gesund zu fühlen die wichtigste Zutat meines Zufriedenheitsrezepts und hat nichts mit Gesundheitszwängen und Spaßfreiheit zu tun.
Die Gefahr, vor lauter gesunden Vorsätzen das Leben zu vergessen, besteht bei mir außerdem mit Sicherheit nicht. Denn ich bin durch und durch ein Genussmensch. Wie so oft ist auch hier das richtige Maß entscheidend - sowohl des Genusses als auch der Askese. Entscheidend ist außerdem die Kunst, gelegentlich Fünfe gerade sein zu lassen und die nötige Leichtigkeit an den Tag zu legen, ohne natürlich die Dinge aus dem Ruder laufen zu lassen. Ein Drahtseilakt, der mir jedoch meistens gelingt. Und auch wenn ich es selbst nicht für möglich gehalten hätte: Die Regeln meines Wohlfühlkonzeptes stellen mich vor keine große Herausforderung, denn die Prioritäten haben sich verschoben. Durchzechte Nächte auf dem Kiez, Wochenenden voller Kopfschmerzen und Feiern bis in die Puppen auch unter der Woche sind nicht mehr die Regel, sondern nur noch die Ausnahme. Und wenn ich mich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis so umschaue, bin ich bei weitem kein Einzelfall. Und das ist auch gut so. Denn wie gesagt, die Prioritäten haben sich verschoben und es sind andere Dinge im Leben wichtiger geworden.
„Sammeln Sie Punkte? ...
… Wollen sie an unserem Gewinnspiel teilnehmen? Haben Sie unsere Bonuskarte?“ Sätze wie diese bringen mich an den Rand des Wahnsinns. mehr
Denn ich habe es immer eilig und bin generell ein ungeduldiger Mensch. Warten ist nicht meine Stärke, effektives Zeitmanagement dagegen schon. Ich weiß, dass das für den eigenen Seelenfrieden nicht unbedingt förderlich ist und ich mich in Geduld üben sollte. Doch was einem beim täglichen Einkauf so an Geduld abverlangt wird übersteigt wirklich jegliche Grenze. Auch wenn sich die Kassenschlange schon quer durch den gesamten Laden zieht – wie z.B. samstags bei Penny üblich –, sind die Kassiererinnen gezwungen, ihren Fragenkatalog abzuspulen.
„Sammeln sie Punkte?“ Das höre ich mindestens zehn Mal, gefühlt natürlich deutlich öfter, während ich mich langsam nach vorne in Richtung Kasse arbeite. Innerlich wächst die Anspannung und ich beginne, nervös mit den Füßen zu scharren. Wie kann man das Warten in der Kassenschlange nur so unnötig verlängern? Gibt es nicht Wichtigeres zu tun, als im Supermarkt zu stehen und den wohlverdienten Samstag zu vertrödeln? Aber die Nation scheint auf Kristall-Gläser der Marke Schott Zwiesel – das ist die aktuelle Punkte-Prämie – gewartet zu haben. Oder wie lässt es sich sonst erklären, dass gut 70 Prozent der Kunden dankbar die kleinen Papieraufkleber in Empfang nehmen und die Frage „Sammeln sie Punkte?“ mit einem nickenden Lächeln beantworten.
Der Mensch ist wohl doch ein Jäger und Sammler geblieben und will außerdem für seine Treue belohnt werden. Als ich endlich an der Reihe bin beschleunige ich den Bezahlvorgang und weise gleich darauf hin – zugegebene eine Spur zu genervt, die Kassiererin tut ja nur ihre Pflicht –, dass ich weder Punkte sammle, noch eine Bonuscard besitze und auch an keinem Gewinnspiel teilnehmen möchte und zwar für immer und alle Zeiten. Meine Gläser kaufe ich übrigens weiterhin bei IKEA, Kristall wird ja in meinen Augen völlig überwertet.
Alles eine Frage der Organisation
Mit diesem Motto startete ich entspannt und optimistisch in die Vorweihnachtszeit. Wäre doch gelacht, wenn ich diese Zeit nicht ohne Stress und Nervenzusammenbrüche meistern würde. mehr
Das allgemeine Gejammer über die ach so hektischen Adventswochen stieß bei mir auf taube Ohren und ich war fest davon überzeugt, dass ich es schaffen würde, alles unter einen Hut zu bekommen – ganz ohne Stress, versteht sich. Ein Weihnachtsfan war ich ohnehin noch nie und Glühwein und Plätzchen tausche ich liebend gerne gegen Bier und Salzgebäck oder einen kräftigen Rotwein – aber Zimmertemperatur muss er haben.
Motiviert wie selten zu dieser Jahreszeit begann ich mein Vorhaben. Alles lief nach Plan. Und auch wenn sich die Termine häuften, hielt ich locker mein gewohntes Sportpensum durch, hatte ausreichend Zeit für Freunde und Familie und sportfreie Vergnügungen. Doch dann erhöhte sich die Schlagzahl: Backen mit dem Patenkind – bzw. viel mehr mit seiner Mama – ein Weihnachtsmarktbummel mit den Kollegen, Sport, Besuch aus der Heimat, diverse Arzttermine, Heimspiele des FC St. Pauli und sonstige Verabredungen ließen erste Stresssymptome und leichte Panik aufkommen. Der Wille, mich nicht stressen zu lassen und tapfer mein Programm durchzuziehen trieb mich jedoch an und verbot es mir, Verabredungen abzusagen, Sport zu schwänzen oder den Abwasch stehen zu lassen. Irgendwann stieß ich dann aber doch an meine Grenzen.
Besagter Tag war der Umzug meiner besten Freundin. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines Umzugs kurz vor Weihnachten verkniff ich mir und stellte trotz Schlafdefizit am Wochenende einen Wecker, um ihr rechtzeitig beim Auspacken der Kartons helfen zu können. Zum Glück verstehen wir uns blind, haben die gleiche Vorstellung vom perfekt eingeräumten Schrank und nutzten die Zeit auch zum ausführlichen Plausch. Schließlich dauerte der Umzugs-Marathon 15 Stunden und wurde lediglich durch einen Friseurbesuch unterbrochen. Doch dieser machte mich um eine entscheidende Erkenntnis reicher. Je mehr ich versuchte, die wohl verdiente Auszeit zu genießen und mich für den harten Alltag zu belohnen, desto näher kam ich den Tränen und dem Entschluss, dass Organisation zwar viel, aber doch nicht alles ist.
Als ich mich während der Kopfmassage nur auf die ohrenbetäubenden Föngeräusche und nicht auf den sanften Händedruck des Friseurs konzentrieren konnte, gestand ich mir ein, dass ich – trotz gut organisiertem Terminkalender – nicht resistent gegen Hektik in der Vorweihnachtszeit bin. Ich beschloss, meine Grenzen zu respektieren und zuzulassen, dass auch ich das Jahresende anstrengend und stressig finde und dass ich eben nicht auf allen Hochzeiten tanzen kann.
Bestärkt durch den Vorsatz der Entschleunigung ging ich zum Sport. Ich ließ den Gedanken freien Lauf und hatte auch dort die nötigen Eingebungen für diese Zeilen. Dass ich diese prompt niederschreibe, obwohl ich längst schlafen wollte, weil morgen schon der nächste Termin ansteht, ist vergessen. Und dass ich weder meine Präsentation noch einmal durchgegangen bin noch etwas gegessen habe, steht auf einem anderen Blatt. Mal schauen, wie lange ich meine neu bzw. wieder gewonnene Gelassenheit behalte.
P.S.: Das bewusste Erleben der letzten Wochen hatte übrigens noch einen weiteren positiven Nebeneffekt: So ein Weihnachtsmuffel, für den ich mich jahrelang gehalten habe, bin ich gar nicht. Immer wieder ertappte ich mich dabei, dass ich mich auf Weihnachten freue und auch Plätzchen und Glühwein schmecken in diesem Jahr so gut wie noch nie. Vielleicht sollte ich den Titel ändern in „Alles eine Frage der Einstellung“.
Mit 32 noch einen Adventskalender?
Früher konnte ich die Vorweihnachtszeit kaum erwarten. Die Freude aufs Christkind oder vielmehr auf die Geschenke war sogar so riesig, dass mein Bruder und ich uns oft schon vor der Bescherung die Präsente zeigten, die wir füreinander ausgewählt hatten. mehr
Im Grundschulalter waren dies meist Spielsachen aus dem eigenen Kinderzimmer, die einfach nur den Besitzer wechselten. Die Vorweihnachtszeit wurde alljährlich mit dem Adventskalender eingeläutet. Voller Neugier begutachteten wir die 24 Päckchen und versuchten zu erraten, was uns in den nächsten Tagen erwarten würde. Außer dem Päckchen-Kalender hatte bei uns zu Hause noch ein kleiner, postkartengroßer Bildchenkalender Tradition. Hoch im Kurs standen Modelle mit einer Bärenfamilie. Ich mag es kaum sagen, aber es gibt diese Kalender teilweise immer noch und die schönsten drei, die mit den Bären, zieren jedes Jahr in der Weihnachtszeit die Fensterbank meiner Eltern.
Nach meinem Auszug wurde die Tradition fortgesetzt und meine Mutter bedachte uns jährlich zum 1. Dezember mit einem kleinen Türchenkalender. Auch wenn die Freude aufs Christkind längst an Bedeutung verloren hatte, symbolisiert der Kalender auch heute noch die Vorfreude auf die Fahrt nach Hause und eine entspannte Zeit in der Heimat mit Familien und Freunden. Zwar ließ mit den Jahren die Regelmäßigkeit des Öffnens der Türchen nach und ab und an blieb auch ein Kalender in Hamburg hängen, obwohl der 24. Dezember noch nicht da, ich aber schon in den Süden der Republik gereist war.
Zehn Jahre hielten wir an diesem Brauch fest. Im elften Jahr nach meinem Auszug verstrich der Dezemberbeginn allerdings ohne, dass ich einen Adventskalender geschickt bekam. Meine Mutter war wohl der Ansicht, ich sei nun aus dem Adventskalender-Alter heraus gewachsen. Prompt wollte sich die Freude auf Weihnachten nicht so recht einstellen und auch der Urlaub zu Hause war nicht mit der gewohnten Sehnsucht verbunden. Ob das nun am fehlenden Adventskalender lag, sei einmal dahin gestellt. Dieses Jahr steigt zum Glück die Vorfreude auf den Weihnachtsurlaub von Tag zu Tag und es besteht auch noch Hoffnung, dass ich diese Woche einen Adventskalender in der Post entdecke, den meine Mutter mir geschickt hat.
Wie ich Yoga lieben lernte
Yoga!? Das war für mich immer untrennbar verbunden mit Räucherstäbchen, Om-Singsang und gemeinsamer Atmung und steckte in der selben Schublade wie Autogenes Training, Globuli und Ätherleib. mehr
Zugegeben. Ich habe jahrelang jegliche persönliche Yoga-Erfahrung vermieden. Vor meinem geistigen Auge saßen Menschen in Haremshosen auf dem Boden und atmeten gemeinsam vor sich hin, während ihre Gedanken in anderen Sphären weilten. Allein die Vorstellung an diesen esoterischen Trend ließ mich innerlich nach dem „Dagegen“-Schild greifen. Denn grundsätzlich ist alles, was mit Esoterik und Spiritualität verbunden ist für mich ein rotes Tuch. Pragmatischer und realistischer als ich kann ein Mensch wohl kaum sein.
Auch meine Reise nach Indien änderte nichts an meiner Einstellung zu Yoga. Das ganze Bohei um Sonnengrüße und Ayurveda ließ mich unbeeindruckt und ich genoss ohne Yoga, Fasten und Reinigungszeremoniell den besten Urlaubs meines Lebens. Doch kaum zurück in der westlichen Welt fragte mich eine Freundin, ob ich mit ihr zusammen diese besondere Form der Entspannung ausprobieren möchte. Und schon war es um mich geschehen. Von der ersten Stunde an war ich begeistert von den schweißtreibenden Verrenkungen. Und genau hier liegt der Knackpunkt. Das von mir praktizierte Poweryoga ist so wenig esoterisch wie alle anderen Sportarten, die ich bisher betrieben habe, dafür allerdings mindestens so anstrengend. Die speziellen Übungsabläufe – etwa von der Kobra in den Hund oder der Krieger mit all seinen Variationen –, bringen mich mehrmals wöchentlich an die Grenze meiner Kräfte. Und genau das genieße ich, mich richtig auszupowern und einfach mal abzuschalten.
Um mich herum sitzen weder Om-Singende Esoterikfreaks noch Hippies mit Rastalocken, sondern genau so Normalos wie ich. Jeder konzertiert sich auf sich und versucht, so viel wie möglich aus dem eigenen Körper herauszuholen, ohne ihn dabei zu überfordern. Der Mix aus Kraftanstrengung, Balance und Ausdauer verknüpft mit dem Ein-und Ausatmen ist das Faszinierende an der Bewegungsabfolge im Yoga, ganz ohne Räucherstäbchen und Oms.
Unbewusst haben die drei Woche im Ursprungsland der philosophischen Yoga-Lehre vielleicht doch Spuren hinterlassen. Nicht nur, dass ich die indische Lebensweise – erst mal shanti, shanti, also ruhig, ruhig und nichts überstützen – sehr zu schätzen gelernt habe, sondern auch, dass ich seit diesem Urlaub meine erste Haremshose besitze. Und diese steht – zumindest für mich – für eine neue Lebenseinstellung. Inzwischen besitze ich sogar mehr als eine und zwar nicht nur in Indien gefertigte Ethno-Modelle, sondern man mag es kaum glauben, auch ein Exemplar aus der Klamottenlinie eines angesagten Sportbekleidungsherstellers.
Vielleicht war es genau diese neue Lebenseinstellung, mir mehr Zeit für mich zu nehmen und mich nicht mehr so stressen zu lassen, die dazu geführt hat, dass ich mich auf das Experiment Yoga eingelassen habe. Und auch wenn wir uns zu Beginn einer jeden Stunde auf unsere Atmung konzentrieren, empfinde ich das nicht (mehr) als überflüssigen Esoterikquatsch. Und Übungen wie die Kobra, der Hund, der nach unten schaut, Krieger oder Krähe bringen mich zwar immer noch an meine Leistungsgrenzen, doch sie sind kein Buch mit sieben Siegeln mehr.

















